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DIE DEUTSCHE SPRACHE IN LITERATUR, GESELLSCHAFT UND POLITIK
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Neue Beiträge und Leitartikel 
BÜCHER- & PRESSESCHAU
Pierre Klein: Politische Geschichte des Elsass

Zweisprachigkeit und ein modernes Sprachenrecht für den Kanton Bern
Die deutschsprachige Bevölkerung im Berner Jura - Plaidoyer für eine vergessene Minderheit

Rechtschreibung: ein offenes Kapitel
Ist neu immer besser? Zu den laufenden Schulreformen
Die Samen im hohen Norden und ihre Sprache(n) 
Schutz und Förderung sprachlicher Minderheiten in Schweden

Bern, den 1. November 2020

ANTRAG AN DAS BUNDESAMT FÜR KULTUR

Antrag
auf Erstellung eines Berichtes im Auftrag des BAK über den Bestand und die Gefährdung des Deutschen als angestammte Minderheitensprache in der Schweiz und über geeignete Maßnahmen zu dessen Erhaltung und Förderung im Rahmen der Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (ECRM) Mehr dazu ...

Bern, den 12. September 2020

ANTRAG AN DEN REGIERUNGSRAT DES KANTONS BERN

Antrag zur Förderung des Deutschen als angestammte Minderheitensprache im Berner Jura im Zusammenhang mit der Förderung  der Zweisprachigkeit im Kanton Bern und der Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (ECRM)

Sehr geehrter Herr Regierungspräsident,
sehr geehrte Damen Regierungsrätinnen, sehr geehrte Herren Regierungsräte

Um eine Lücke im Minderheitenrecht des Kantons Bern zu füllen und um die Zweisprachigkeit und Verständigung im ganzen Kanton zu verbessern, stellen wir Ihnen den Antrag, die angestammte deutschsprachige Minderheit im Berner Jura in folgenden Bereichen zu schützen und zu fördern:

1. Öffentlicher Gebrauch der deutschen Sprache in den Gemeinden
2. Zugang der deutschsprachigen Minderheit zu Unterricht in deutscher Sprache oder zu zweisprachigem Unterricht während der gesamten obligatorischen Schulzeit.

Wir beantragen zu diesem Zwecke die Einsetzung von zwei Arbeitsgruppen, die sich je einem dieser Bereiche widmen und dazu Vorschläge erarbeiten sowie Anträge zu Gesetzgebung und Verordnungen stellen.

Angesichts der Tatsache, dass es im Berner Jura seit 2018 keine deutschsprachigen oder zweisprachigen Schulen mehr gibt, beantragen wir für Kinder aus deutsch- oder gemischtsprachigen Familien Sofortmaßnahmen, die darin bestehen, dass diesen Kindern ein guter Deutschunterricht geboten wird, der ihren Vorkenntnissen entspricht.

Außerdem beantragen wir die Schaffung eines kantonalen Sekretariats, welches die Interessen der deutschsprachigen (und zweisprachigen) Minderheit wahrnimmt.

Sprachenrechtliche Voraussetzungen

Am 23. Dezember 1997 ratifizierte die Schweizerische Eidgenossenschaft die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats (ECRM); die Charta trat am 1. Februar 1999 in Kraft. Artikel 7 der Charta schützt und fördert auch Deutsch in den Kantonen und Gemeinden, wo es eine angestammte Minderheitensprache ist.
Gemäss Artikel 7.4 der Charta soll der Vertragsstaat eine Einrichtung einsetzen, welche die Behörden auf allen Ebenen in allen Angelegenheiten der Förderung der jeweiligen Minderheitensprache berät. Die vom Bund und vom Kanton Graubünden geförderten Organisationen Lia Rumantscha und Pro Grigioni Italiano nehmen die Aufgaben gemäss Artikel 7.4 der Charta für Rätoromanisch und Italienisch wahr. Im Kanton Bern setzen sich seit 2006 zwei offizielle Organisationen für die Belange der französischsprachigen Minderheit ein, nämlich der Conseil du Jura bernois (CJB; Bernjurassischer Rat (BJR)) und der Conseil des affaires francophones de l’arrondissement de Biel/Bienne (CAF; Rat für französischsprachige Angelegenheiten des Verwaltungskreises Biel/Bienne (RFB)).
Für Deutsch als angestammte Minderheitensprache fehlt bisher sowohl beim Bund als auch im Kanton Bern mehr als zwanzig Jahre nach der Ratifizierung auf Bundesebene eine entsprechende Einrichtung. Der Sachverständigenausschuss der Charta hat in seinem jüngsten (siebten) Prüfbericht von 2019 auf diesen Mangel hingewiesen und der Schweiz empfohlen, «eine Einrichtung zum Zweck der Beratung der betreffenden Bundes- und Kantonsbehörden in Angelegenheiten der deutschen Sprache als Minderheitensprache zu gründen».   Vor diesem Hintergrund beantragen wir die Schaffung eines Sekretariates. Mehr dazu...

SPRACHENRECHT IN DER SCHWEIZ: ZEIT ZUM HANDELN
Die Schweiz und die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (ECRM)

Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen wurde von der Schweiz am 23. Dezember 1997 ratifiziert und trat am 1. April 1998 in Kraft. Die Schweiz verpflichtete sich damit zu Schutz und Förderung ihrer sprachlichen Minderheiten. In Art. 7 Abs. 2 der Charta heißt es:
Die Vertragsparteien verpflichten sich, sofern dies noch nicht geschehen ist, jede ungerechtfertigte Unterscheidung, Ausschliessung, Einschränkung oder Bevorzugung zu beseitigen, die den Gebrauch einer Regional- oder Minderheitensprache betrifft und darauf ausgerichtet ist, die Erhaltung oder Entwicklung einer Regional- oder Minderheitensprache zu beeinträchtigen oder zu gefährden. Das Ergreifen besonderer Massnahmen zugunsten der Regional- oder Minderheitensprachen, welche die Gleichstellung zwischen den Sprechern dieser Sprachen und der übrigen Bevölkerung fördern sollen oder welche ihre besondere Lage gebührend berücksichtigen, gilt nicht als diskriminierende Handlung gegenüber den Sprechern weiter verbreiteter Sprachen.
Eine erste Folge dieser Verpflichtung war Art. 70 Sprachen in der neuen Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV) vom 18. April 1998:
Dieser Verfassungsartikel nimmt in Abs. 2 zusammenfassend das Schutzgebot der ECRM auf:
Die Kantone bestimmen ihre Amtssprachen. Um das Einvernehmen zwischen den Sprachgemeinschaften zu wahren, achten sie auf die herkömmliche sprachliche Zusammensetzung der Gebiete und nehmen Rücksicht auf die angestammten sprachlichen Minderheiten.
Abs. 3 betrifft die Kohäsion zwischen den Sprachgemeinschaften, und Abs. 4 sagt den „mehrsprachigen Kantonen“ Unterstützung zu bei der „Erfüllung ihrer besonderen Aufgaben“. Abs. 5 wendet sich den beiden zahlenmäßig schwächsten Landessprachen zu:
Der Bund unterstützt Massnahmen der Kantone Graubünden und Tessin zur Erhaltung und Förderung der rätoromanischen und der italienischen Sprache.
Dieses besondere Augenmerk findet auch seinen Niederschlag im Bundesgesetz über die Landessprachen und die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften, kurz Sprachengesetz (SpG) vom 5. Oktober 2007.

Das Sprachengesetz und die besondere Förderung von Rätoromanisch und Italienisch 
Das SpG enthält allgemeine Aussagen zum Sprachenrecht, auf die wir weiter unten noch zu sprechen kommen. Der 5. Abschnitt sichert den Kantonen Graubünden und Tessin, Organisationen und Institutionen sowie Verlagen, welche zur Erhaltung und Förderung des Rätoromanischen und Italienischen beitragen, Finanzhilfe von bis zu drei Vierteln der Gesamtkosten zu.
Als Folge davon werden jährlich Finanzhilfen von mehreren Millionen Franken gewährt. Dazu kommt der Ausbau von RTR, der Radio Televisiun Rumantscha. Die italienische Schweiz hat seit langem eine eigene Radio- und Fernsehanstalt mit Vollprogramm.
Am 1. Januar 2008 ist das Sprachengesetz des Kantons Graubünden in Kraft getreten, welches die angestammten Sprachen sehr weitgehend schützt. Es garantiert zwar den Status quo, legt aber im übrigen fest, dass Gemeinden mit einer Quote von über 40% von Sprechern des Italienischen oder Rätoromanischen als einsprachig italienisch bzw. romanisch gelten.
Es scheint, dass die Gesetzgebung auf den Bestand der sprachlichen Minderheiten in Graubünden stabilisierend gewirkt hat. Die Forcierung von Rumantsch Grischun durch den Kanton hat jedoch den Sprachfrieden beeinträchtigt; unterdessen sind fast alle Gemeinden zu ihren regionalen Schriftsprachen als Amts- und Schulsprachen zurückgekehrt.
Seit dem Inkrafttreten der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen für die Schweiz sind Italienisch und Rätoromanisch vom Bund also kräftig gefördert worden. Italienisch ist allerdings nur im Bund Minderheitssprache: zwar gleichberechtigt, aber de facto tritt es hinter Deutsch und Französisch zurück. Deshalb legt der Bund Wert darauf, dass die Italienischsprachigen in der Verwaltung, besonders auch in den Kaderstellen, gemäß ihrem zahlenmäßigen Anteil an der Schweizer Bevölkerung vertreten sind. Zu diesem Zwecke ist eine Quotenregelung getroffen worden, die nach Aussage der einschlägigen Statistik gut eingehalten wird.
Im Kanton Tessin hingegen ist Italienisch eindeutig Mehrheitssprache, alleinige Amtssprache und in der Gesellschaft unbestritten die Hauptsprache. Der Kanton gilt auch für den Bund als einsprachig italienisch.

Schutz und Förderung des Französischen
Französisch erfährt als Minderheitssprache durch den Bund zwar keine Förderung und finanzielle Unterstützung, aber im offiziell zweisprachigen Kanton Bern gibt es seit 2006 zwei offizielle Organisationen, welche sich für die Belange der französischsprachigen Minderheit einsetzen: den Conseil du Jura bernois (CJB; Bernjurassischer Rat (BJR)) und den Conseil des affaires francophones de l’arrondissement de Biel/Bienne (CAF; Rat für französischsprachige Angelegenheiten des Verwaltungskreises Biel/Bienne (RFB)).
Im Wallis ist Französisch nirgends Minderheitssprache; im Kanton Freiburg ist seit dem 1. Januar 2005 die neue Verfassung in Kraft, welche Deutsch und Französisch rechtlich gleichstellt. Der Kanton nimmt zunehmend seine sprachliche Brückenfunktion wahr und macht sie zu einem Standortvorteil. Die französischsprachige Minderheit in Murten und Umgebung profitiert vom Zugang zu französischsprachigen Schulen und davon, dass die deutschsprachige Mehrheit in der Regel gut Französisch spricht.

Wo bleibt der Schutz für Deutsch als Minderheitensprache?
All animals are equal, but some animals are more equal than others.
(George Orwell, Animal Farm)

Bund
Die besonders hervorgehobene Stellung von Italienisch und Rätoromanisch in der BV und im SpG hat dazu geführt, dass der Bund in zwanzig Jahren nicht wahrgenommen hat, dass es in unserem Lande auch deutschsprachige Minderheiten gibt, obwohl die Deutschsprachigen insgesamt in der Mehrheit sind.
In einer Studie von 2015   heißt es: „Der Bund hat das Rätoromanische und das Italienische als Regional- oder Minderheitensprachen im Sinn der Charta definiert und den Förderungsbestimmungen unterstellt.“ Der Bund handelt immer noch nach dieser Definition. Sie mag einmal gestimmt haben, doch sie ist jedenfalls nicht auf dem neuesten Stand. Die Liste der Minderheitssprachen, welche das ECRM führt, umfasst neben Italienisch und Rätoromanisch auch Frankoprovenzalisch, Französisch, Deutsch und Jenisch (nachgeführt am 28. April 2020). Das heißt: Art. 7 der Charta schützt und fördert eben auch Deutsch in den Kantonen und Gemeinden, wo es eine angestammte Minderheitensprache ist. Dieser Auftrag zu Schutz und Förderung ist übrigens auch in Art. 70 Abs. 1-4 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV) enthalten sowie in den Artikeln 2 Abs. a-c und 3 Abs. a-d des Bundesgesetzes über die Landessprachen und die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften (SpG).
Der Bund muss deshalb rasch umdenken, um der Verfassung und dem Sprachengesetz nachzuleben. Er hat sich mit der Annahme der ECRM vor über zwanzig Jahren dazu verpflichtet, selbst wenn er die Konsequenzen für den Schutz und die Förderung deutschsprachiger Minderheiten damals vielleicht nicht erkannte oder beabsichtigte.

Kanton Bern
Der Kanton gibt sich in seiner Verfassung  ebenfalls den Auftrag, „seinen sprachlichen, kulturellen und regionalen Minderheiten ... Rechnung zu tragen.“ (Art. 4 Abs. 1 KV)
In Art. 5 KV wird dem Berner Jura “eine besondere Stellung zuerkannt”, um “seine sprachliche und kulturelle Eigenart” zu erhalten. Zu dieser Eigenart gehört auch, dass der Berner Jura kulturell und sprachlich nicht homogen ist, sondern auch die Heimat einer kleinen, aber seit langem in der Gegend verwurzelten Minderheit.
In der Expertengruppe zur Förderung der Zweisprachigkeit, deren Bericht im November 2018 herauskam, waren keine Vertreter der deutschsprachigen bernjurassischen Minderheiten vertreten, obwohl sie mit ihrer faktischen Zweisprachigkeit für eine Verständigungspolitik Vorbildcharakter haben und in die Arbeit Wertvolles hätten einbringen können. Im Bericht der Expertengruppe über die Zweisprachigkeit selbst sucht man deshalb Hinweise auf diese angestammte Minderheit vergeblich, obwohl es immer wieder heißt: „Je kleiner eine Minderheit ist, umso mehr muss sie geschützt werden.” Die deutschsprachigen Bernjurassier werden vom Kanton weder geschützt noch überhaupt als schützenswert betrachtet.
Wo liegen die Schwierigkeiten? Diese sind historischer, politischer und psychologischer Natur. Auf die historische und politische Dimension soll hier nicht im einzelnen eingegangen werden. Nur soviel:  Auf den Vorwurf der germanisation rampante im Berner Jura antwortete der Kanton Bern von 1948 an mit einer ziemlich aggressiven Assimilationspolitik: Es war erklärtes Programm, die noch vorhandenen, meist von Mennoniten geführten deutschen Volksschulen allmählich aufzuheben oder in französische Schulen umzuwandeln. Dieser Prozess ist seit 2018 mit der Schließung der Schule von Schelten abgeschlossen.
Der Vorwurf der schleichenden Germanisierung traf und trifft ins Leere, wie die Studie eines Neuenburger Professors zeigt. Vielmehr haben wir es mit einer francisation rampante zu tun, welche, wenn man es kokett ausdrücken will, zuerst die romanische Bevölkerung erfasste, welche bis ins 19. Jahrhundert nicht Französisch, sondern Patois oder vielmehr Franc-Comtois oder Frankoprovenzalisch (auch Arpitanisch genannt) sprach, eine Sprache, die jetzt auch vom Bund als Minderheitensprache anerkannt worden ist.
Im Berner Jura wird im allgemeinen ein sehr gepflegtes Französisch gesprochen; der Stolz scheint nachzuwirken, das Patois überwunden zu haben und eine Hochsprache mit Prestige zu sprechen. Die berndeutschen Dialekte erscheinen aus dieser Perspektive als etwas Rückständiges. Die Ablehnung des Deutschen wird aber ebenso als Folge des fehlenden geschichtlichen Bewusstseins zu erklären sein. Dieses Bewusstsein fehlt aber heute auch dem Kanton Bern als Ganzem und insbesondere seinen politischen Vertretern.

Kanton Tessin
Die sprachliche Sonderstellung des Dorfes Bosco Gurin, das seit der Mitte des 13. Jahrhunderts die Heimat von deutschsprachigen Walsern ist, wird vom Kanton Tessin durchaus wahrgenommen. Allerdings wurde Hochdeutsch an der Schule im 20. Jahrhundert nur minimal unterrichtet. Wegen Schülermangels besuchen die wenigen Kinder Gurins seit 2002 die Schule in Cevio. Es steht auch eine Gemeindefusion an; damit ist die kleine sprachliche Minderheit stark bedroht. Verhandlungen mit dem Kanton sind im Gange. Für den Minderheitenschutz gibt es übrigens in der ECRM keine zahlenmäßige Untergrenze.

Was ist zu tun?
Der Bund und insbesondere der Kanton Bern müssen in ihrer Politik einen „Paradigmenwechsel“ vollziehen. Dem Kanton Bern obliegt es, den Glücksfall der faktisch zweisprachigen deutschbernischen Minderheit im Berner Jura den welschen Bernjurassiern nahezubringen und auf die Vorteile Gewicht zu legen, welche diese bereits vorhandene Zweisprachigkeit für die Brückenfunktion des Kantons innerhalb der Schweizerischen Eidgenossenschaft bringen kann und für die Verständigung und Kohäsion zwischen den beiden Sprachgemeinschaften innerhalb des Kantons. Ebenso wichtig ist der wirtschaftliche Standortvorteil des Kantons, zu welchem diese Minderheit vermehrt beitragen kann. Ängste sind unbegründet und können leicht entkräftet werden.
Das Umdenken und konsequente Handeln ist dann aber auch ein Lehrstück für den Respekt vor Minderheiten:. Wie heißt es schon wieder im zitierten Expertenbericht? „Je kleiner eine Minderheit ist, umso mehr muss sie geschützt werden.”
Die Zeit drängt, und der Kanton hat einiges gutzumachen. Die Entschuldigung des Kantons bei den Mennoniten vom Jahre 2017 genügt nicht, es ist Wiedergutmachung nötig. Als Erstes muss den Kindern deutschsprachiger Familien die Gelegenheit geboten werden, in der Schule auch Hochdeutsch auf muttersprachlichem Niveau zu lernen. Dafür werden die Welschberner mit ihrer Hochachtung für die Hochsprache gewiss Verständnis haben.
Rennie Wyß

Valär, Rico Franc et al. Die Unterstützung des Bundes für das Rätoromanische. https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/162333/1/Valar_Vitali_Andrey_in_Bisaz_Glaser_2015.pdf

Abrufbar auf https://www.coe.int/de/web/european-charter-regional-or-minority-languages/sprachen-der-charta

Frédéric Chiffelle: L'Arc jurassien romand à la frontière des langues. Faut-il craindre la germanisation? Edition Payot, Lausanne 2000.

ZWEISPRACHIGKEIT UND EIN MODERNES SPRACHENRECHT
FÜR DEN KANTON BERN

Gute Ansätze
Der Kanton Bern will die Zweisprachigkeit fördern. Einiges ist bereits geschehen, z. B. mit dem Angebot einer zweisprachigen Lehrerausbildung und dem Ausbau zweisprachigen Schulunterrichts auf allen Stufen. Schüleraustausch über die Sprachgrenze hinweg soll intensiviert werden. Die Vereinbarung BeNeFri der Universitäten Bern, Neuenburg und Freiburg vereinfacht den Besuch und die Anrechenbarkeit von Lehrveranstaltungen zwischen den beteiligten Universitäten. In der Hauptstadtregion arbeiten Bern und Neuenburg zusammen, um mit Sprachtandems die Zweisprachigkeit der Verwaltungsangestellten zu verbessern.
Sprachenrecht mit Lücken und Mängeln
Die neue Zweisprachigkeitsoffensive des Kantons gibt ihm aber auch die Gelegenheit, vergangene Fehler wiedergutzumachen und sich an internationalen Standards des Schutzes sprachlicher Minderheiten zu orientieren, vor allem an der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen (ECRM). Die Schweiz ratifizierte dieses Abkommen 1997 und setzte es am 1. April 1998 in Kraft. Umgesetzt hat sie es aber nur mangelhaft, und das gilt auch für den Kanton Bern. Dieser hat zwar die Rechte und Möglichkeiten seiner französischsprachigen Bevölkerung in den letzten siebzig Jahren stets ausgebaut; gleichzeitig hat er aber der angestammten deutschsprachigen Minderheit im Berner Jura diese Rechte nicht nur vorenthalten, sondern systematisch eingeschränkt, um sie zu assimilieren und in der Mehrheitsbevölkerung aufgehen zu lassen. Der Kanton hat bisher nicht gemerkt oder nicht merken wollen, dass hier Handlungsbedarf besteht.
Mehr dazu...

Bernhard Altermatt:
Sprache und Politik, Zweisprachigkeit und Geschichte

 

Anne Weber:
Annette, ein Heldinnenepos

Anne Weber

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber erhält für ihr Werk Annette, ein Heldinnenepos den Deutsche Buchpreis für den besten deutschsprachigen Roman 2020.
Annette Weber wollte keine Biographie schreiben, weil sie sich nicht als Historikerin verstand. Sie wollte aber auch keinen Roman im üblichen Sinne verfassen, weil das bedeutet hätte, dass sie zur Handlung allerhand hinzugedichtet hätte. Sie entschied sich deshalb für den Roman im Sinne des Hochmittelalters, für das Versepos. Diese Literaturform erleichterte ihr die nötige Distanz zur Heldin, mit der sie persönlich bekannt war.
https://www.srf.ch/play/radio/tagesgespraech/audio/anne-weber-gewinnerin-des-deutschen-buchpreises-2020?id=8af9bdaa-7544-4a77-a618-a0d248377f8b
Das Buch erzählt die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir. Diese wandte sich bereits als Jugendliche dem Sozialismus zu, weil dieser den Faschismus Francos in Spanien und den Nationalsozialismus bekämpfte. Nach der Besetzung von Paris durch deutsche Truppen wurde sie Widerstandskämpferin und rettete unter Lebensgefahr zwei jüdische Kinder. 1942 schloss sie sich der Kommunistischen Partei an. Nach dem Kriege löste sie sich unter dem Einfluss von Arthur Koestlers Sonnenfinsternis vom Kommunismus, in dessen Namen in der Sowjetunion längst eine despotische Diktatur errichtet worden war. 
In den Fünfzigerjahren unterstützte sie den Freiheitskampf der FLN gegen die französische Kolonialmacht; sie wurde in Frankreich verurteilt und ins Gefängnis gesteckt. Nach der Geburt ihres Sohnes floh sie nach Tunis. Auch hier machte sie die Erfahrung, dass eine revolutionäre Bewegung bald einmal wurde, was sie bekämpfte: Abweichler und "Verräter" wurden gefoltert oder liquidiert. Anne Beaumanoir wurde dennoch als Ministerin im Gesundheitsministerium Mitglied der provisorischen und dann zwei Jahre lang von 1963 bis 1965 in der regulären Regierung Algeriens unter Ben Bella. Auch in jenen Jahren folgte sie ihrer zentralen Lebensmaxime: Sie gehorchte dem Gebot des Ungehorsams. Anne Weber ist eine merkwürdige Erscheinung im Literaturbetrieb. Sie wuchs in Offenbach auf und studierte nach dem Abitur in Paris. Sie blieb dann dort hängen. Sie übersetzte viele Bücher vom Französischen ins Deutsche oder vom Deutschen ins Französische. Seit 1998 hat sie ihre eigenen Werke herausgebracht, meistens sowohl in einer französischen als auch in einer deutschen Fassung.
„Der Übersetzer wird von jeder Unschärfe und jeder offenen Frage wie am Hosenbein festgehalten. Indem er die Mehrdeutig- und Eigenwilligkeiten, die Rhythmen, Klangvorlieben und Obsessionen des Autors auslotet, lernt er ihn langsam kennen; am Ende weiß er mehr von ihm oder ihr als dessen Ehefrau oder Ehemann. Wenn er nicht aufpasst, geht er langsam in ihn über: Die Autoren sind Kannibalen und fressen gerne ihre Übersetzer. Wie soll auch das Übersetzen gelingen, so lange man stur auf seiner Persönlichkeit beharrt? Der Übersetzer ist in mancher Hinsicht vergleichbar mit einem Schauspieler, insofern er ein fremdes Werk verkörpert, ihm einen neuen Sprachkörper verleiht."

( Dankesrede für den Johann-Heinrich-Voß-Preis, 2016, zitiert nach Wikipedia)

Mit spitzer Zunge überquert Laurence Boissier
den Röstigraben

https://www.srf.ch/sendungen/schnabelweid/franzoesisch-und-berndeutsch-laurence-boissiers-safari
Die Genferin Laurence Boissier ist trotz Schweizer Literaturpreis in der Deutschschweiz wenig bekannt. Ihr neues Buch «Safari» taugt auch für Französischscheue. Sie liest in Luzern, Zug und Bern.
Céline Graf 12.04.2019
S. auch: https://www.srf.ch/sendungen/schnabelweid/franzoesisch-und-berndeutsch-laurence-boissiers-safari

Laurence Boissier

Laurence Boissier sieht sich als Französischsprachige im Spoken-Word-Kollektiv «Bern ist überall» nicht als Exotin. (Bild: Julien James Auzan)

Ein «Mangel an Talent für den Rest» ist der Grund, weshalb Laurence Boissier beim Schreiben gelandet ist. Das sagte die Genfer Autorin der Zeitung «Le Temps». Ob beim Roten Kreuz, in der Verwaltung oder als Innenarchitektin – nie fühlte sie sich am richtigen Ort. Bis sie sich mit über 40 Jahren für die Kunsthochschule anmeldete. «Das war meine Rettung.» Sie hat einen starken Drang, kreativ zu sein. «Ich lebe ihn täglich aus. Beim Schreiben, Zeichnen, Basteln, ja sogar beim Karottenschneiden.»
Genferin in Berner Gruppe
In der Romandie erhielt die 53-Jährige, die beim Lausanner Verlag art&fiction publiziert, einige Förderpreise. Ihr Familienroman «Inventaire des lieux» bekam 2017 einen Schweizer Literaturpreis. In der Deutschschweiz blieb das mangels Übersetzung beim breiten Publikum unbemerkt. Am Donnerstag taufte sie ihr neues Buch «Safari» in Zürich an einer Doppelvernissage mit Gerhard Meister, der sein Buch «Mau öppis ohni Bombe» vorstellte.
Französisch ist dank parallelen berndeutschen Übersetzungen von Daniel Rothenbühler keine Voraussetzung, um «Safari» zu lesen. Boissiers erste Einzelpublikation im Spoken-Word-Verlag «Der gesunde Menschenversand» enthält vor allem Texte, die sie für ihre Auftritte mit der Gruppe «Bern ist überall» geschrieben hat. Als Exotin zwischen Autoren wie Gerhard Meister oder Pedro Lenz, die vor allem auf Schweizerdeutsch schreiben, sieht sie sich aber nicht. Sie findet:
«Französisch ist genauso geeignet für performte, laut gesprochene Texte.»
Wer Boissier live hört, gibt ihr recht. Und ebenfalls, wer «Safari» liest. «Déjà, on choisit la musique qui va accompagner ce beau moment.» Schön, nicht? Je zarter die Klangfarben, umso skurriler sind bei ihr die Themen. Die Autorin redet ein ernstes Wörtchen mit einem Salzteig («Petite chose en pâte à sel») oder einem Schwamm («Évolution»). Sie versetzt sich in ein Mädchen hinein, das zu dem Typen werden will, der die weissen Linien auf die Strasse malt («Blanc»). Sie schickt ein U-Boot auf einen makabren Tauchgang («Sink Tank»).

Le Valais redécouvre son bilinguisme
(Le Temps, 19.06.2019)
Das Wallis entdeckt seine Zweisprachigkeit wieder

Der Nouvelliste Valaisan und der Walliserbote bieten der Leserschaft ein vergünstigtes Abon-nement auf die jeweils andere Zeitung an. Seit der Eröffnung des Lötschberg-Tunnels hat sich das Oberwallis noch stärker an Bern angelehnt, und die beiden Kantonsteile haben sich noch etwas mehr auseinandergelebt.
Der Kanton unternimmt aber einiges, um den Zusammenhalt im Kanton zu sichern, indem er die kulturelle Vielfalt, die Zweisprachigkeit und den Austausch zwischen den beiden Sprachregionen fördert. Schon in der Primarschule werden die Kinder vor allem spielerisch an die Zweitsprache herangeführt und damit Lernbarrieren abgebaut. Im Unterwallis werden in den großen Ortschaften zweisprachige Klassen für die ganze Schulzeit angeboten. Dasselbe Angebot ist für die Kantons-schulen in Brig und Sitten in Vorbereitung. Näch-
stes Jahr nehmen gut hundert Schülerinnen und Schüler aus dem Unterwallis ihre Ausbildung auf der Sekundarstufe im deutschen Teil des Kantons in Angriff, während 79 aus dem Oberwallis den um-gekehrten Weg gehen.
Schüleraustausch ist bereits sehr beliebt, er dauert zwischen einer Woche und einem Jahr. Im kom-menden Schuljahr absolvieren über vierzig junge Leute aus dem Unterwallis ein Jahr im Kollegium Brig, anderseits beziehen 13 aus dem Oberwallis ein Gymnasium im französischen Kantonsteil.
Der Sprung über die Sprachgrenze lohnt sich: Die Walliser Jugend schneidet in der Zweitsprache landesweit mit am besten ab. Auch viele vorge-fasste Meinungen über den andern Kantonsteil werden auf diese Weise geändert.

https://www.letemps.ch/suisse/valais-redecouvre-bilinguism

Zweisprachig im Wahlkampf - Freiburg ist ein besonders hartes Pflaster
Wer im Kanton Freiburg in die eidgenössischen Räte gewählt  werden will, muss Deutsch und Franzö-sisch beherrschen, um in allen Bezirken Stimmen zu erhalten. Die französischsprachige Nadine Gobet (FDP) aus dem Bezirk Greyerz spricht im Alltag nur Französisch, auch im Kantonsparlament. Seit zwei Jahren verbessert sie ständig ihre Deutsch-kenntnisse, hat aber immer noch Mühe, sich auf Deutsch auszudrücken.  Auch die deutsch-sprachige Olive Haymoz (Grüne) kämpft um den Einzug in den Nationalrat.  Dem Fernsehen SRF gab sie zum erstenmal ein Interview auf Deutsch. 
Unsicherheit im Französischen
Die 23-Jährige Oliver Haymoz hingegen spricht gut Französisch und hat sogar die Matura zweisprachig absolviert. Trotzdem habe sie grossen Respekt, wenn sie auf Französisch ein Interview geben müsse: «Sage ich etwas, was ich eigentlich gar nicht so gemeint habe?»
In den beiden Sprachgemeinschaften erhalten zwar die Kandidaten der eigenen Sprachregion mehr Stimmen, doch ist auch die Parteizugehörigkeit wichtig. Nationalrat Rime von der SVP holt mehr Stimmen in Deutsch- als in Welsch-Freiburg. (Herr Rime spricht aber ausgezeichnet Deutsch...
Red.)

https://www.srf.ch/news/schweiz/wahlen-2019/wahlen-2019-kantone/wahlen-2019-freiburg/zweisprachig-im-wahlkampf-freiburg-ist-ein-besonders-hartes-pflaster

Mit den sieben Geisslein in die Zweisprachigkeit hüpfen (NZZ 16.6.2019)

In Nancy hat es ein Schulleiter durchgesetzt, dass seine Primarschüler an der Ecole Stanis-las zweisprachig unterrichtet werden. Zuerst musste er sein Kollegium vom Nutzen des zweisprachigen Unterrichts überzeugen; dann bewilligte die regionale Schulverwal-tung das Projekt und finanzierte Deutsch-stunden für Lehrer am Goethe-Institut. Der Bürgermeister der Stadt ist dem Projekt günstig gesinnt, und die Schulverwaltung Nancy-Metz denkt ähnlich. In Nancy gibt es für Französisch und Eng-lisch sowie Französisch und Deutsch Immersions-unterricht: Nicht nur die Zweitsprache selbst, son-dern auch mehrere Schulfächer werden auf Englisch bzw. Deutsch unterrichtet. Ein wichtiges Argument für die Förderung des Deutschen ist die wirtschaft-liche Bedeutung der Sprache, sowohl für Grenz-gänger als auch für Leute, die in den vielen deutschen Firmen, die sich im französischen Moselgebiet nieder-gelassen haben, Karriere machen wollen.

https://www.nzz.ch/international/frankreich-deutsch-unterricht-als-karriere-chance-ld.1483245?reduced=true


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE DEUTSCHSPRACHIGE BEVÖLKERUNG IM BERNER JURA
Ein Plaidoyer für eine vergessene Minderheit

Natürlich darf dabei der Minderheitenschutz nicht vergessen werden, denn je kleiner eine Minderheit ist, umso stärker muss sie geschützt werden.
(Bericht der Expertenkommission über die Zweisprachigkeit, S. 5, 23, 31, 107.)

Der Berner Jura wird politisch und weitgehend auch rechtlich als einsprachiges Gebiet behandelt, also ob er ebenso eindeutig französischsprachig wäre wie etwa das Emmental deutschsprachig. Dieses Bild entspricht nicht der Wirklichkeit. Im Berner Jura gibt es von alters her eine deutschsprachige Minderheit, die seit gut siebzig Jahren zunehmendem Assimilationsdruck ausgesetzt gewesen ist. In der Hoffnung, damit die Sezession des Nordjuras zu vermeiden, hat der Kanton Bern aktive Assimilationspolitik betrieben.
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Deutsch aus dem FF oder FFF? Dreifachschreibung von Konsonanten abschaffen! Die Rechtschreibreform von 1996 ist zwar gemildert worden, entfaltet aber in ihrer modifizierten Form von 2006 immer noch Unheil. Kein Wunder, dass Verlage ihre eigenen Wege gehen und die Regeln nach eigenem Ermessen abändern.
von R. Wyß
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FÖRDERUNG DER ZWEISPRACHIGKEIT
IN ÄMTERN UND SCHULEN DES KANTONS FREIBURG

Vortrag von Frau Claudine Brohy, Dr. phil., Universität Freiburg i.Ü., Lyss, 8.2.2019.
Niemand in der Schweiz kennt sich in Praxis und Forschung der Mehrsprachigkeit besser aus als Frau Brohy, Dr. phil. Mehr dazu...