Logo-Sprachkreis     Logo-Sprachkreis
DIE DEUTSCHE SPRACHE IN LITERATUR, GESELLSCHAFT UND POLITIK
Freiburg - Reichengasse
Bern - Altstadt mit Muenster von der Schwelle aus
Biel - Brunngasse
Literatur

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

Anne Weber

Anne Weber erhält für ihr Werk Annette, ein Heldinnenepos den Deutsche Buchpreis für den besten deutschsprachigen Roman 2020.
Annette Weber wollte keine Biographie schreiben, weil sie sich nicht als Historikerin verstand. Sie wollte aber auch keinen Roman im üblichen Sinne verfassen, weil das bedeutet hätte, dass sie zur Handlung allerhand hinzugedichtet hätte. Sie entschied sich deshalb für den Roman im Sinne des Hochmittelalters, für das Versepos. Diese Literaturform erleichterte ihr die nötige Distanz zur Heldin, mit der sie persönlich bekannt war.
https://www.srf.ch/play/radio/tagesgespraech/audio/anne-weber-gewinnerin-des-deutschen-buchpreises-2020?id=8af9bdaa-7544-4a77-a618-a0d248377f8b
Das Buch erzählt die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir. Diese wandte sich bereits als Jugendliche dem Sozialismus zu, weil dieser den Faschismus Francos in Spanien und den Nationalsozialismus bekämpfte. Nach der Besetzung von Paris durch deutsche Truppen wurde sie Widerstandskämpferin und rettete unter Lebensgefahr zwei jüdische Kinder. 1942 schloss sie sich der Kommunistischen Partei an. Nach dem Kriege löste sie sich unter dem Einfluss von Arthur Koestlers Sonnenfinsternis vom Kommunismus, in dessen Namen in der Sowjetunion längst eine despotische Diktatur errichtet worden war. In den Fünfzigerjahren unterstützte sie den Freiheitskampf der FLN gegen die französische Kolonialmacht; sie wurde in Frankreich verurteilt und ins Gefängnis gesteckt. Nach der Geburt ihres Sohnes floh sie nach Tunis. Auch hier machte sie die Erfahrung, dass eine revolutionäre Bewegung bald einmal wurde, was sie bekämpfte: Abweichler und "Verräter" wurden gefoltert oder liquidiert. Anne Beaumanoir wurde dennoch als Ministerin im Gesundheitsministerium Mitglied der provisorischen und dann zwei Jahre lang von 1963 bis 1965 in der regulären Regierung Algeriens unter Ben Bella. Auch in jenen Jahren folgte sie ihrer zentralen Lebensmaxime: Sie gehorchte dem "Gebot des Ungehorsams."
Anne Weber ist eine merkwürdige Erscheinung im Literaturbetrieb. Sie wuchs in Offenbach auf und studierte nach dem Abitur in Paris. Sie blieb dann dort hängen. Sie übersetzte viele Bücher vom Französischen ins Deutsche oder vom Deutschen ins Französische. Seit 1998 hat sie ihre eigenen Werke herausgebracht, meistens sowohl in einer französischen als auch in einer deutschen Fassung.
„Der Übersetzer wird von jeder Unschärfe und jeder offenen Frage wie am Hosenbein festgehalten. Indem er die Mehrdeutig- und Eigenwilligkeiten, die Rhythmen, Klangvorlieben und Obsessionen des Autors auslotet, lernt er ihn langsam kennen; am Ende weiß er mehr von ihm oder ihr als dessen Ehefrau oder Ehemann. Wenn er nicht aufpasst, geht er langsam in ihn über: Die Autoren sind Kannibalen und fressen gerne ihre Übersetzer. Wie soll auch das Übersetzen gelingen, so lange man stur auf seiner Persönlichkeit beharrt? Der Übersetzer ist in mancher Hinsicht vergleichbar mit einem Schauspieler, insofern er ein fremdes Werk verkörpert, ihm einen neuen Sprachkörper verleiht.“
( Dankesrede für den Johann-Heinrich-Voß-Preis, 2016, zitiert nach Wikipedia)


sprachen.be

 
Kontakt