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Literatur

E. Y. Meyers "Apotheose": Eine verspätete Würdigung

von Peter Glatthard-Weber (pgw), November 2017

E. Y. Meyer ist für den Sprachkreis Deutsch kein Unbekannter. Schon mehr als ein halbes Jahr ist seit der Vernissage seines letzten Romans verstrichen. Glücklicherweise ist es aber nie zu früh oder zu spät, diesen Roman zu lesen: Seine optimale Genussreife ist ungefährdet, ob Sie ihn bereits heute oder erst übermorgen lesen. Genießen und urteilen Sie selbst!

Inhalt des Romans
Ich übernehme zunächst die treffende Schilderung aus den Internet-Seiten des Autors: „Apotheose“ heißt „Vergöttlichung“. Ein Mensch oder eine Sache wird zu einem Gott erhoben. Die Frage, die sich heute stellt, ist, ob jeder Mensch sich zu einem Gott erheben will, ob die Menschheit sich als eine gottähnliche Spezies sehen will. Oder ob es nicht darum gehen sollte, dass die Menschen menschlicher  werden, als sie es heute sind oder sein können. Auch die Schweiz befindet sich in einem rasanten Wandel zu etwas Neuem. Die Frage, um die es in dem Roman geht, ist, ob das reich gewordene Land um die Jahrtausendwende seine Apotheose erreicht hat. Einen göttlichen Status? Gespiegelt und reflektiert wird diese Zeit vor und nach der Jahrtausendwende in der Geschichte eines Schweizer Männerclubs, der sich„Club Freitag der Dreizehnte“ nennt.
Dreizehn Männer treffen sich an jedem Freitag, der ein Dreizehnter ist. Zunächst an einem immer wieder anderen Ort, und schließlich einmal im Jahr immer in dem zum Hotel umgewandelten Ritterhaus „Chasa de Capol“ jenseits des Ofenpasses in Santa Maria im schweizerischen Val Müstair. Für jedes Treffen im Münstertal schreibt E. Y. eigens eine besondere Geschichte, die er am Abend seinen Clubkameraden vorliest.

„Apotheose“ und der Roman„Wandlung“, der 2012 erschienen ist, bilden E. Y. Meyers „Diptychon zur Jahrtausendwende“.
„Wandlung“ umfasst die Zeit vom Zusammenbruch der Sowjetunion, dem Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus, bis zur Jahrtausendwende.
„Apotheose“ die Zeit von der Jahrtausendwende bis zur ersten großen Krise des siegreichen Kapitalismus, der Finanzkrise von 2008.
Mit „Wandlung“ ist letztlich die sich im Gang befindende Verwandlung der natürlichen Umwelt auf dem Planeten Erde in eine reine Kunstwelt gemeint, in eine Welt, die nur noch aus künstlichen Gebilden besteht. Und Apotheose bedeutet bei E. Y. Meyer nicht einseitige Verherrlichung und Verklärung. Das Apotheose-Phänomen ist bei ihm im Gegenteil mehrschichtig und mit ironischen Untert&oml;nen durchsetzt.
Première vom 28. Mai 2015 im Alpinen Museum Bern
Als Veranstaltungsort hat E. Y. den Hodlersaal im Alpinen Museum ausgewählt. Sein Redner- bzw. Lesepult befand sich genau in der Mitte zwischen den dramatischen Monumentalbildern „Aufstieg“ (links) und „Absturz“ (rechts), die Hodler seinerzeit für die Weltausstellung in Antwerpen 1894 gemalt hat. Zwischen Hodlers Bildern wurde dann ein„Passfoto“ von E. Y. eingeblendet, der sinnend auf dem höchsten Punkt des Ofenpasses steht. Den Rahmen der Lesung bildeten eine Einführung durch den Leiter des Stämpfli-Verlags und eine wunderbar schräge musikalische Einlage mit der Jodlerin Christine Lauterburg.
Befindet sich die Schweiz weiterhin im aufhaltsamen Auf- stieg? (Die Leser mögen mir den diesen radebrechtschen Ausrutscher verzeihen.) Oder befindet sich die freie Schweiz im Absturz, quasi im freien Fall? Oder will sie einfach weiterhin dazwischen auf der (Pass-)Höhe bleiben? Mit einigen Gedanken zur vielschichtigen Bedeutung des Begriffs„Apotheose“ leitete E.Y. Meyer gleich zu seiner Lesung über. Dafür hatte er eine abgeschlossene Geschichte gewählt, nämlich„LOS GIGANTOS oder Wie der Neuenburgersee zur Bouillabaisse und ausgegessen wurde“. Bei dieser Parodie der Expo handelt sich um eine wahrlich phantastische und zugleich überrealistische Schilderung à la Rabelais, Jonathan Swift und Dürrenmatt.
Besonders spannend scheint mir, wie E. Y. Meyer auf diese Geschichte kam. Das schildert er den Lesern einige Seiten vorher ausführlich - lesen Sie gleich selber! Sie erhalten so Einblick in seinen hochpräzisen und minuziös abgewogen Schreibstil: E. Y. ist wirklich Lesegenuss pur!
„Für das erste Treffen des Clubs in der Chasa de Capol hatte ich den 13. Juli ausgewählt. Und was für eine Geschichte sollte ich nun für diesen Tag schreiben?
Ich musste an das Großereignis denken, das der Schweiz im nächsten Jahr, im Jahr 2002, bevorstand.
Ein landesweites, das ganze Land betreffendes Ereignis, das es in der Schweiz nur alle fünfundzwanzig Jahre gab. Eine Selbstbefragung und die Selbstdarstellung eines Landes, das zu den reichsten und zivilisiertesten Ländern der Welt gehörte.
Eine Selbstpräsentation, die das Land von seiner besten Seite zeigen sollte.
Seine Apotheose sozusagen. Seine Verherrlichung. Seine Verklärung.
Vielleicht sogar seine Vergöttlichung.
Die "Schweizerische Landesausstellung", die diesmal EXPO.02 heißen würde.
Es würde die sechste sein. Die zweite nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Die erste hatte am Ufer des Genfersees in Lausanne stattgefunden und war einfach EXPO genannt worden.“
(…)
Und bestehen würde sie aus fünf sogenannten Arteplages. Ein Wort, das eigens für die EXPO.02 erfunden worden war. Aus dem französischen Wörtern art für Kunst und plage für Strand.
(…)
Kosten sollte das Ganze anderthalb Milliarden Schweizer Franken.
Wobei diese Kosten nicht nur den Aufbau decken sollten, sondern auch den Abbau, denn nach dem Ende der Ausstellung sollte alles, was aufgebaut worden war, wieder verschwinden.
Es war also vorauszusehen, dass diese Ausstellung so etwas wie eine Fata Morgana werden würde.
Eine Illusion, die während kurzer Zeit Realität geworden war sein würde, bevor sie sich wieder in Nichts auflöste.
Kaum besser illustrierbar als mit einer künstlichen Wolke.

Dies bedenkend, erinnerte ich mich an eine launige Bemerkung, die Hofi* einst gemacht hatte, als wir zusammen mit unseren Zahnarztfreunden in deren Ferienhaus am Neuenburgersee auf der Hochterrasse des Hauses gesessen und Weißwein getrunken hatten. Ein typischer Hofi-Einfall, eine groteske Idee, die zwar wohl der Wirkung des Weißweins zugeschrieben werden konnte, die man aber trotzdem als "Bieridee" hätte bezeichnen können.
Er meinte nämlich, dass man den Neuenburgersee mit seinem Fischreichtum, auch wenn das alles Süßwasserfische seien, doch eigentlich in eine perfekte Bouillabaisse würde verwandeln können. Eine Bouillabaisse à la Suisse sozusagen.“
* Arnulf Hofmeister, Zeichner und Maler, Mitglied des Clubs Freitag der Dreizehnte

E. Y. Meyers Sprache zeichnet sich vor allem durch ihre unmittelbare Anschaulichkeit aus. Auch die kompliziertesten Gedankengänge und Überlegungen sind für den Leser nachvollziehbar, weil sie stets direkt mit der Beschreibung konkreter Orte oder Ereignisse verknüpft werden. Dies wird aus dem letztes Zitat deutlich, das sicher nicht nur das Berner Publikum ansprechen bzw. diesem aus der Seele sprechen dürfte (aus der Geschichte„Bahnhöfe“, nach Kap. 7):

„Den Totalabbruch des Bahnhofs, um Platz für einen funktionalistischen Neubau im Stil der internationalen Schuhschachtelarchitektur zu schaffen, empfand ich als Verbrechen. (…) Am schmerzhaftesten für mich war der Verlust des Saals mit den Wandmalereien, der, wenn er auch in keiner Weise mit der Pracht des vielleicht schönsten Bahnhofrestaurants der Welt, dem Belle-Époque-Relikt Le Train Bleu im Gare de Lyon in Paris, hätte vergliche werden können, das Herz und die Seele des Bahnhofs gewesen war.
Der neue Bahnhof hatte kein Herz und keine Seele mehr. Der alte Bahnhof hatte über sich selbst hinaus in die Vergangenheit gewiesen, in eine Zeit, die älter als er selber war. Der neue Bahnhof tat das nicht mehr. Er verwies nur noch auf sich selbst. Er tat dies so, als ob die Tabula rasa möglich wäre. Der vollumfängliche Neuanfang. Der Neubeginn aus dem Nichts.
In Biel existiert das alt gewordene Bahnhofsbuffet noch. Und es gibt den Jugendstilwartesaal mit den von Philippe Robert auf die hohen Wände gemalten Zyklen Der Lebenslauf, Der Stundentanz, Die Jahreszeiten.
Der alte Bieler Bahnhof ist auf eine größere Vergangenheit gebaut. Der neue Berner Bahnhof auf nichts.“

Ausblick auf das viersprachige Lesebuch CH4
E. Y. Meyer soll mit folgenden Beiträgen in CH4 vertreten sein:
Mit der Geschichte„LOS GIGANTOS oder Wie der Neuenburgersee zur Bouillabaisse und ausgegessen wurde“ (aus "Apotheose").
Mit einen Auszug aus „Gotthelfs Ritt“ (in Ergänzung zu Roman-Auszügen von J. Gotthelf).
Allenfalls auch mit einen Auszug aus dem Theaterstück
„VerDingt“ (Uraufführung 2007 auf der Moosegg) in Ergänzung zu Beiträgen von C. A. Loosli (zum Thema Verdingkinder und Jugendstrafvollzug).